Ein Wochenende in Belgien 2: ein Tag in Gent

Als Geschenk an mich selbst, habe ich mir ein Wochenende in Belgien gegönnt. Nach einer unglaublich schönen Nacht am Meer und einem tollen Tag in Brügge, habe ich auf dem Rückweg noch einen kurzen Stop in der Stadt Gent gemacht…

Auf nach Gent – Das historische Herz Flanderns

Ich war wieder früh wach. Ab 8 Uhr gab es Frühstück, das ich mir habe schmecken lassen. Ich packte meine 7 Sachen und dann hieß es schon wieder den Heimweg antreten. Aber bevor ich zurück über die Grenze nach Deutschland huschte, wollte ich mir noch Gent ansehen.

Der Name Gent lässt sich von dem keltischen Wort für Zusammenfluss „Gand“ ableiten. 630 entschied sich der Missionsbischof St. Amandus für diese Stelle – wo die Flüsse Schlede und Leie zusammenfließen –  als den Ort des Baus für die St.-Bavo-Abtei. Im Laufe des Mittelalters wächst die Stadt zu einer der bedeutendsten Städte Westeuropas heran. Im 14. Jhd liegt der Wohlstand der Stadt bei etwa 40 reichen Kaufmannsfamilien, die den König Frankreichs dem Grafen von Flandern vorziehen. Aufgrund von Unruhen und Rebellion in der Stadt wegen Herrschaftsdifferenzen (die Genter wollten sich nicht unterwerfen lassen), verliert die Stadt im 16. Jhd alle Rechte und Privilegien. Die adligen Einwohner müssen mit einem Strick um den Hals und barfuß vor dem Kaiser knien – daher stammt noch der heutige geläufige Ehrenname „Stroppendragers“ (Strickträger). Die Genter bleiben aber rebellisch und das macht die Stadt im 18. Jhd zur ersten industrialisierten Stadt Kontinentaleuropas. Zur Expo 1913 werden viele der alten Gebäude in Gent renoviert, neue Plätze werden angelegt und die Stadt zeigt ein modernes Gesicht. 

Reisebericht Belgien Gent Das Zentrum von Gent – schöne Häuser, direkt am Wasser

Die Anreise war einfach. Da ich schon gelesen hatte, das parken in der Innenstadt in Gent eine absolute Katastrophe sein soll, habe ich bei der Tram Haltestelle Wondelgem Botestraat geparkt. Dort gibt es nämlich einen kostenlosen Park & Ride Parkplatz und man ist Ruckzuck in der Innenstadt. Ich hatte auch noch zusätzliches Glück: gerade, als ich mir einen Fahrschein kaufen wollte, kam ein nettes älteres Pärchen vorbei und informierte mich, das an diesem Tag Verkaufsoffener Sonntag war, und das deswegen die Öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos sind! Juhu!

Das Zentrum von Gent

Einer der bekanntesten und schönsten Plätze in Gent ist wohl die Brücke Saint-Michel. Von dieser Brücke aus hat man eine tolle Sicht auf so allerlei, z.B. wie die 3 Türme – wo man nur von hier aus alle sehen kann (dazu später mehr). Ursprünglich war sie mal eine Drehbrücke gewesen, die aber im 20. Jhd durch eine Steinbrücke ersetzt wurde. Direkt nebendran befindet sich die Sint-Michielskerk, deren Spitze eigentlich alles überragen sollte. Geplant waren 134m, aber geworden sind es dann doch nur 24m. 1828 entschied man sich für ein Flachdach bei dem unvollendeten Turm.

Reisebericht Belgien Gent

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Reisebericht Belgien Gent Der Blick von der Brücke in Richtung Zentrum

Man hat außerdem einen schönen Blick auf die Gras- und Korenlei – der ehemalige mittelterliche Hafen mit einer historischen Häuserfassade der ehemaligen Lager- und Gildenhäuser. Etwas die Straße rauf findet man hier das Groot Vleeshuis – ein ehem. Metzgerhaus und eine Markthalle, in dem sich heute ein Restaurant befindet – und das Cafe Galgenhuis – das älteste Cafe der Stadt, das früher mal ein Pansenhaus war, an dessen Rückseite sich der Galgen für die Verurteilten befand. Hier befindet sich auch der Groentenmarkt, ein historischer Platz.

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Geht man von der Brücke weiter Richtung Zentrum gibt es hier auch einige schicke Gebäude zu entdecken.  Nicht zu übersehen ist die St.-Nikolaus-Kirche, eine der bedeutendsten gotischen Kirchen Mitteleuropas. Sie wurde von durch Handel reich gewordene Bürger errichtet. Direkt gegenüber davon sieht man das Metselaarhuis – das Zunfthaus der Steinmetze aus dem 16. Jhd, auf dessen Dach man sechs Tänzer bewundern kann.

Reisebericht Belgien Gent Mitten in der Stadt – die St.-Nikolaus-Kirche

Reisebericht Belgien Gent tanzende Figuren auf dem Dach des Zunfthaus der Steinmetze 

Absolut erwähnenswert ist natürlich auch der Belfried – der Glockenturm aus dem 14. Jhd der für Gents Unabhängigkeit steht. Da ich schon den Belfried in Brügge ausgelassen hatte, wollte ich mir zumindest diesen hier ansehen. Keinerlei Warteschlangen und ein Aufzug bringt einen auf die 95m hohe Aussichtsplattform. Alternativ kann man auch die runde Steintreppe nehmen (10 – 18 Uhr, 8 €).

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Reisebericht Belgien Gent Die Aussicht auf die Sint-Niklaaskerk und die Stadt von der Aussichtsplattform aus

Weitere hübsche Gebäude im Zentrum ist das Genter Rathaus – mit 51 Sälen, die in Form einer Tour besichtigt werden können -, das NTGent Theater – das Königliche Niederländische Theater – , der Platz Achtersikkel – der als Ruheoase mit kleinen Türmen und einen Brunnen bekannt ist. Bei mir war es tatsächlich aber so ruhig, das gar nichts los war – und das Schloss von Gerhard dem Teufel. Das Gebäude aus dem 13. Jhd wurde schon zu allerlei genutzt: als Ritterbleibe, Waffenarsenal, Kloster, Schule und bischöfliches Seminar, ab 1623 Tollhaus für Geisteskranke und Zuhause für männliche Waisen und Gefängnis oder Zuchthaus.

Reisebericht Belgien GentDas Rathaus hat eine beeindruckende Fassade, die die Grafen von Flandern zeigt

Reisebericht Belgien Gent Sehenswert ist die Terasse des Theaters, von wo man einen schönen Blick auf den Platz hat

Reisebericht Belgien Gent Wenn man Glück hat, kann man am Achtersikkel Studenten beim Musik machen zusehen

Reisebericht Belgien Gent das Schloss von Gerhard dem Teufel – trotz des Namens und der vielseitigen Benutzung war der Teufel hier nie persönlich zu besuch. Also… nimmt man an ;-)

Natürlkich gehört auch die St.-Bavo-Kathedrale erwähnt. Die Geschichte dieser Kirche lässt sich bis 942 zurück verfolgen, was sie zur ältesten Kirche der Stadt macht. Bekannt ist die Kathedrale außerdem für den berühmten Genter Altar – auch bekannt als „die Anbetung des Lamm Gottes“, ein Flügelaltar das aus 20 Tafeln/Gemälden besteht, welche 1432-1435 von den van Eyck Brüdern geschaffen wurde. Es wird weltweit als der Höhepunkt der Malerai anerkannt. Das Thema ist die Anbetung des Lammes  aus der Offenbarung des Johannes mit Engeln und Heiligen.

Reisebericht Belgien Gent 89m erstreckt sich der Turm in die Höhe!

Der Genter Altar ist nicht nur eines der bekanntesten Gemälde aller Zeiten – es ist auch eines der am häufigsten gestohlenen. Im 16. Jhd sind Einzeltafeln während der Glaubenskriege entfernt worden, die erst einige Jahre später wieder an ihren ursprünglichen Platz zurückkehren konnten. Napoleon ließ dann den Mittelteil mitgehen – diese mussten aber nach der Schlacht bei Waterloo wieder zurück gegeben werden. Es gab aber keine Vereinigung: In der Zwischenzeit hatte die Kirchengemeinde die Tafeln aber zu einem lächerlichen Preis verkauft. Sie gingen von England, nach Berlin und landeten in einem Museum, wo sie fast ein ganzes Jahrhundert ausgestellt waren. Nach dem Ersten Weltkrieg mussten die Gemälde zurück gegeben werden. Beleidigt darüber klauten die Nazis den versteckten Altar und brachten ihn in den Salzbergwerk von Altausee. Nach dem Krieg wurde er hier von den Amerikanern wiederentdeckt. Im April 1934 wurden über Nacht zwei Tafeln gestohlen – um dieses – bis heute nicht aufgeklärte  Verbrechen – ranken sich bis heute noch viele Legenden. Eine der Tafeln wurde gegen Lösegeld zurück gegeben, die zweite ist bis heute verschollen und wird durch eine Kopie ersetzt. Leider fand, als ich dort war, gerade die Messe statt, weswegen man nicht Sightseeing machen durfte..

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Desweiterens finde ich die Gravensteen im Nordosten des Zentrums erwähnenswert – eine mittelalterliche Burg aus dem 12. Jhd, das ein Foltermusium mit Guillotine beherbergt. Vom Wohnturm aus soll man einen tollen Blick auf die Stadt haben. Leider war ich vor den Öffnungszeiten da, daher stellte sich nicht die Frage ob ich sie besichtigen möchte oder nicht. Aber beeindruckend ist sie auch von außen.

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Am Vrijdagmarkt kann man ein Denkmal von Jacob van Artevelde bewundern. Er hob den Boykott der englischen Wolleinfuhren während des 100 jährigen Kriegs auf und zeigt vermutlich daher Richtung England. Er wurde 1345 während eines Volksaufstands ermordet. Der Platz hier wurde ursprünglich für Feste und öffentliche Hinrichtungen genutzt. Die letzte Hinrichtung fand 1863 statt.

Reisebericht Belgien Gent Im 19. Jhd wird – aufgrund von Ausbeutung – die erste modernen Gewerkschaften und sozialistischen Bewegungen gegründet.

Die drei Türme von Gent

Gent ist schon seit dem Mittelalter für seine drei Türme (oder auch „de drie torens“) bekannt: der Belfried, der Turm der St Bavo Kathedrale und der Turm der St.-Nikolaus-Kirche. Seit den 1930er Jahre sind es genau genommen sogar vier Türme, denn der Bücherturm kam hinzu. Der Bücherturm ist ein 64m hoher Turm mit 24. Stockwerken, der die Universitätsbibliothek mit über 3 Mio Büchern beherbergt.

Reisebericht Belgien Gent Der Belfried mit der St.-Bavo-Kathedrale; es fehlt der Turm der St.-Nikolaus-Kirche – schwierig, die drei Türme auf ein Foto zu kriegen

Wer auf Graffitis steht, kann nochmal durch die Werregarenstraat wandern – eine sich ständig verändernde Graffitigasse. Leider habe ich keine spektakulären Graffitis entdecken können. Bei mir war es eher geschmiere.

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Die Begijnhöfe in Gent

Gent besitzt drei Begijnhöfe: das sind typische Wohnanlagen der Beginen – Mitglieder einer christlichen Gemeinde, die ursprünglich aus Belgien und den Niederlanden stammen. Meistens besteht so ein Hof aus einen (meist) idyllischen Innenhof mit kleinen Wohnhäusern, einer Kapelle und div. Nebengebäuden. Dieser Hof ist i.d.R. durch Mauern oder Wassergräben von dem Rest der Stadt getrennt. Inzwischen gibt es keine Beginen mehr, daher werden diese Höfe meistens von älteren Leuten, Studenten oder auch Künstlern bewohnt.

Mein Weg führte mich zunächst zu dem Oud Begijnhof Sint-Elisabeth. Dieser ist inzwischen nicht mehr ummauert und er ist als Ort der Toleranz bekannt. Hier gibt es nämlich verschiedene Kirchen: eine römisch-katholische, eine orthodoxe, sowie eine protestantische Kirche

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Als zweites habe ich mir noch den Begijnhof O.L.V. ter Hoyen – den kleinen Begijnhof angesehen. Dieser wurde 1235 gegründet und zählt zu den am besten erhaltenen Höfen aus der Zeit vor der Französischen Revolution. In den größeren Gebäuden befinden sich heute Künstlerateliers. 

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Der dritte Hof – Great Beguinage of Sint-Elisabeth – liegt noch etwas weiter außerhalb, weswegen ich mir diesen nicht angesehen habe. 

Genter Spezialität: die Genter Näschen (Cuberdons)

Ich schaue mir auf reisen ja auch immer gern die Spezialitäten eines Landes/einer Stadt an. So kam ich nicht umhin, mir die Genter Näschen, im Original: Cuberdons näher anzusehen. Diese bekommt man an div. Ständen in der Stadt, aber das Original gibt es wohl am Groentenmarkt (von 10-18 Uhr, täglich). Ein größeres Tütchen gibt es für 5 € und dafür gibts die Süßigkeiten in Form eines Kegels, die eine feste Außenhülle und einen weichen Geelekern haben. Im Original sind diese mit Himbeergeschmack, aber inzwischen gibt es div. Geschmäcker. 

Reisebericht Belgien Gent Ich fand sie wirklich sehr lecker und ein süßes Mitbringsel sind sie auch

Dann ging es für mich schließlich wieder zurück nach Deutschland. Ich denke, die Bilder sprechen für sich: Brügge und Gent sind zwei wunderschöne Städte und absolut Sehenswert! Ich komme gern wieder!

Siehe auch:
Teil 1 meines Belgien Reiseberichts: am Meer & in Brügge
Übersichtskarte mit allen genannten Punkten

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